Archiv für November 2008

Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt

Zurzeit wird ja viel über das Buch: Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt von Georg Klauda gesprochen. Bin bis jetzt leider auch noch nicht dazu gekommen mir das Buch zu besorgen und zu lesen. Dennoch möchte ich auf ein Radio Interview mit Georg Klauda verweisen, das ich bei f*cking queers gefunden habe. Das kann einem meiner Meinung nach einen besseren Eindruck vermitteln, als die zahlreichen Rezensionen über das Buch.

Die wirklich Perversen?

Ich habe eine weitere interessante Erwiderung, auf die Diskussion um den Begriff pervers, gefunden. Den Artikel gibt es auf „Herbst in der Seele“ zu lesen. Dabei handelt es sich um einen Blog der sich mit dem Thema pädophiles Begehren ausseinander setzt.

Dort steht:

ob man den Begriff “pervers” positiv wandeln kann und sollte – als “Selbstbezeichnung” oder gar als “perverse Identität”. Dies soll u.a. vermitteln, “dass Normalität und Abweichung nicht unsere (!) Massstäbe sind”. Doch wohl eher das Gegenteil, oder? Die Unterordnung unter eine kollektive Sexualidentität ist ein Fehler und im Endeffekt Selbstpathologisierung;

Die Kritik an sexuellen Identitäten kann ich absolut nachvollziehen. Mir scheint aber „Herbst in der Seele“ hat da etwas falschverstanden. Queer/Pervers stellt ja gerade nicht eine neue kollektive Sexualidentität dar, sondern versteht sich als Gegenspieler*in gegenüber sexuellen Identitäten, die die heteronormative Gesellschaft geschaffen hat. Queer/Pervers sagt nichts über die sexuelle Praxis einer Person aus. Dementsprechend soll Pervers auch nicht die neue kollektividentität vermeintlich sexuel-abnormer Personen werden.
Bei aller berechtigter Kritik an sexuellen Identitäten, halte ich es trotzdem für falsch auf gewisse Selbstbezeichnungen zu verzichten. Deswegen nehme ich für mich in Anspruch zweigleisig zu fahren und mich erstmal noch als queer/pervers und schwul zu bezeichnen.

Interessanter wirds beim nächsten Punkt:

Und: was passiert eigentlich bei den Perversidentitären, wenn sich mal die noch perverseren zu Worte melden?

Mir ist auch erst beim lesen des Artikels gekommen, dass pervers heutzutage natürlich ein Schimpfwort ist mit dem hauptsächlich Pädophile konfrontiert sind. Da es sich dabei um eine Gruppe handelt die unter weit grösserem gesellschaftlichen Druck steht als z.B Schwule, kann ich die Bedenken gegenüber der Selbstaneigung des Wortes pervers durchaus verstehen.

Die Frage, „was passiert wenn sich die noch perverseren zu Wort melden?“, kann ich für mich persönlich aber ganz klar beantworten: Panische Dementierungs und Abgrenzungsversuche wird man bei mir auf jedenfall dadurch nicht erzeugen. Queer/Pervers heisst für mich auch ganz klar die anti-pädophilen Hetze zu bekämpfen. Und warum sollten Pädophile nicht auch Queer/Pervers sein (werden können)?

Anmerkung: Ich lasse jetzt hier das Wort „Pädophile“ einfach mal so unkommentiert stehen, auch wenn mir bewusst ist das der allgemeine Diskurs zu dem Thema für ziemlich viel Verwirrung gesorgt hat. Den dort werden Themen Gebiete wie sexuelle Gewalt, sexuelle Neigungen etc. wahrlos drucheinander geschmissen und mit Pädophilen verbunden. Deswegen noch ein Abschluss Zitat von „Herbst in der Seele“ von hier:

… Konkret: es gibt mir einiges, wenn mir ein Junge mit strahlenden Augen sagt, dass er mich liebhat, und es gibt mir absolut nichts, ihn durch irgendwelche Strategien oder gar durch Gewalt zu sexuellen Dingen zu zwingen, die er nicht möchte….

Pervers als Selbstbezeichnung.

Bikepunk wirft, in einem kürzlich veröffentlichten Artikel, die Frage auf:

… macht es Sinn den Begriff pervers […] offensiv für sich zu verwenden und damit zu versuchen ihn positiv zu drehen.

Da Bikepunk nach Meinungen fragt gebe ich natürlich gerne meinen Senf dazu:
Ich finde es absolut sinnvoll den Begriff Pervers als eigenen Kampfbegriff zu erobern. Auch wenn es natürlich minimale Sinnverschiebungen durch die Übersetzung gibt, ist Pervers die passende Übersetzung für Queer. Da der Queerbegriff aus dem englischsprachigen Raum kommt, kann man ihn nicht einfach ins deutsche übertragen. Zumal Queer im deutschsprachigen Raum ja mittlerweile viel geläufiger ist als Sammelbegriff für Schwul/Lesbisch/Trans*. Der Begriff wird also nicht als Beleidigung für sexuelle Abweichler*innen benutzt, sondern ist in Deutschland eher ein Begriff der Konsumsphäre (Queer-Partys/-Zeitungen/-Reisen etc.). Erst in den letzten Jahren ist auch die neue Bedeutung von Queer als Angriff auf die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit in Deutschland angekommen (und das hauptsächlich an den Universitäten und bei Politaktivist*innen). Damit ein Begriff aber positiv politisiert werden kann muss er ursprünglich mal ein Schimpfwort gewesen sein. Und „queer“ dürfte im deutschsprachigen Raum niemand als Schimpfwort, für Unangepasste benutzen.

Desweiteren ist auf Bikepunk zu lesen:

Dazu kommt, dass mir nie Text zu dem Thema untergekommen ist (gender studies oder queer theory standen noch nie auf meinem Lehrplan), wenn wer einen guten weiss – her damit.

Deswegen hier der Hinweis auf das Buch „Queer Theory – Eine Einführung“ von Annamarie Jagose. In einem Kapitel beschäftigt sich das Buch, auch mit der Begriffsgeschichte von Queer und wie man den ins deutsche transferiert.
Ausserdem möchte ich aus dem Vorwort einen passenden Abschnitt zitieren:

Die allgemeinen Probleme in der Übersetzung einer Politik von einem Kontext in einen anderen spiegeln sich auch in konkreten Schwierigkeiten wider, bestimmte Begriffe zu übersetzen. „Queer“ bedeutet unter anderem „fragwürdig“, „sonderbar“ oder „Falschgeld“, dient aber hauptsächlich als Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher und sexueller Identifikationen nicht entsprechen – und damit dient es genau zur Herstellung dieser Normen. Lässt sich eine Entsprechung zu diesem Wort finden, die eine ebenso reiche, vieldeutige Geschichte hat, wie Annamarie Jagose sie herausarbeitet, oder soll es importiert werden? Geht aber nicht mit der einfachen Übernahme in den deutschen Sprachgebrauch die politische Kraft des Begriffs verloren? Die Diskriminierung hat sich hier über Wörter wie „Lesbe“ und „Schwuler“ ausgedrückt, die ebenfalls in Akten der Selbstbehauptung angeeignet wurden. Werden sie zugunsten von queer aufgegeben, verschwindet „die andauernd drohende Erinnerung an die Verletzung“. Wäre queer besser mit „pervers“ zu übersetzen? Hier wird klar, wie viel Brisanz in dem Wort liegt. Wer sich einfach ein Seminar über „Perverse Theorie“ vorstellt, ahnt schon, dass die selbstbehauptende Aneignung von queer im englischsprachigen Raum weit über eine modische Zeitgeistgeste hinausgeht (Annamarie Jagose, Queer Theory – Eine Einführung, 2005, S.9)

Ich würde mich also ganz klar dafür aussprechen, den Begriff pervers zu benutzen. Inwieweit es natürlich sinnvoll ist, dass sowas bei ner Black Block Aktion gerufen wird ist für mich wohl genauso, wie beim Queerbegriff und bei ähnlichen eher eine Frage der Authentizität. Hier muss man ganz klar den Unterschied machen, zwischen Aktivisten, die die politischen/sozialen Implikationen der Queer Theory unterstützen/erkennen und denen die eine queere/perverse Identität haben. Die Frage die ich mir stelle, die auch Bikepunk schon aufgeworfen hat, ist ob die Parole(z.b “queer, pervers und arbeitscheu”) wenn sie von ersteren gerufen wird, Sinn macht.

Die radikale Linke muss pervers werden

Pornographie.

Leider hat es mir gerade einen Blogeintrag, zum Thema linksradikale Sicht auf Pornographie, zersemmelt. Bis ich Lust hab, den nochmal zu schreiben, erstmal ein paar interessante Links zu Texten die ich gefunden hab:

Porn’s Dirty, Dangerous Secret
Strange Bedfellows: Can Feminism and Porn Coexist?
Is Pornography Really Harmful?
Art and Porn: An Interview with Editor Dian Hanson

Nachbetrachtung zum Naziaufmarsch am 15.11

Am Samstag, den 15.11, marschierten Neonazis durch Münchens Innenstadt. Dazu gibts auf Luzi-M einen Bericht. In anbetracht der gelungenen Aktionen am 13.6 (Berichte (1) (2)) überrascht es nicht, dass über 1000 Bullen eingesetzt wurden um den Aufmarsch durchzuknüppeln, dazu sperrte die Münchner Polizei stundenlang größräumig die ganze Innenstadt ab. Besonders pikant der Titel der Nazi-Demonstration „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldaten!“, der stark an die NS-verherrlichende Parole „Ruhm und Ehre der Waffen-SS“ erinnert und das nicht mal eine Woche nach dem 9. November.

Das neue Versammlungsgesetz hat sich als unwirksam erwiesen um solche Nazi-Veranstaltungen zu verbieten. Stattdessen wird sich jetzt zeigen wie gut es dazu dient antifaschistischen Protest zu kriminalisieren. So wurden laut Polizeibericht 76 Gegendemonstranten festgenommen. Bei 1000 Gegendemonstranten wurde also jeder 13. mit einer Anzeige bedroht. Der Sieger des Tages ist also eindeutig die Münchner Polizei, die es geschafft hat die NS-Verherrlichung der Nazis durchzuprügeln.

Faschos in der Müllerstrasse.

München Pervers schrieb ja schon Ende Juli 2008, in einem Artikel:

In das Haus Müllerstraße 43, in dem das SUB seine Räume hat, ist/sind vor relativ kurzem ein/mehrere Faschos eingezogen. Auch wenn die Reaktionen, die ich bisher von Schwulen gehört habe, alle in die Richtung “Was wollen die im Glockenbach, da sind wir eh in der Überzahl” gingen: Wenn ihr abends allein unterwegs seid und in der Müllerstraße 43 grade Faschoparty ist, nützt es relativ wenig, dass im Ganzen das Glockenbachviertel schwul und lesbisch geprägt ist. Vielleicht ist das ganze ja ein Anlass, in der Community mal wieder ein bisschen aufeinander aufzupassen.

Jetzt weiss man sicher, dass in dem Haus(Hinterhof/Müllerstr. 43) mindestens zwei Faschos wohnen (vermutlich ein Pärchen). So kann man regelmässig am Wochenende zwischen Sendlinger Tor und Müllerstrasse auf eine angetrunkene Gruppe von Faschos treffen, die pöpelnd durch die Müllerstrasse ziehen.

Wie mir zugetragen wurde, versuchten am Samstag ca. sechs, teilweise bewaffnete Neonazis, nach einem Wortgefecht, vor dem SUB (Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum) stehende Gäste anzupöpeln und anzugreiffen. Glücklicherweise konnte der Versuch vereitelt werden. Nach verschwinden der Faschos sollen ca. 10 Bullen inklusive Zivis, die von Passanten verständigt wurden, vor dem Sub aufgetaucht sein. Was die dann noch unternommen haben entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Während es bis vor kurzem noch bei Pöpeleien blieb, zeigt sich also, dass die Faschos langsam aggressiver auftretten. Besonders pikant, dass einige von ihnen direkt zwischen zwei Schwulen Kneipen wohnen.


Fight Back!

Die Homonormativitätsdebatte.

München Pervers hat meinen Artikel über die Homonormativität aufgegriffen und eine Kritik, an diesem Begriff geschrieben, die den Titel trägt: Homonormativität? Die Gefahren einer begrifflichen Mode.

Die Ausführungen zur Heteronormativität in dem Artikel kann ich nur unterschreiben. Gerade diese Ausführungen scheinen bei München Pervers aber dazu zuführen, den Begriff der Homonormativität falsch zu verstehen. Homonormativität ist nicht der Gegenentwurf zur Heteronormativität, also nicht das selbe wie die Heteronormativität nur in Homo. Die Homonormativität ist viel mehr ein Teil der Heteronormativität.

Wenn München Pervers also schreibt:

Davon, dass sich schwule Identitäten in schwulen Räumen an ihrem heterosexuellen Anderen konstruieren, kann aber nicht die Rede sein.

kann ich ihm nur zustimmen.

In der Homonormativität konstruiert sich die Homosexuelle Identität zur Norm der Heterosexualität eben selbst, als Anderes und nicht etwa als Norm.

Kein Wunder also, dass die Homonormativität die Homosexuelle Bewegung so beeinflusst hat, dass sie ihr politisches Auftretten mittlerweile anderen Gruppen entlehnt hat, die als Andere in unserer Gesellschaft konstruiert werden. So begreifft man sich selbst zuweilen, als eigene Ethnie, mit Bezug zur eigenen „Queeren“ Nation und zwar mit einem Queerbegriff aus der Vergangenheit: „Queer“ als synonym für homosexuel. Man bediehnt sich also bei ebenfalls als Andere Konstruierten wie z.B Migrant*innen. Gleichzeitig affimiert man damit die Normen(weiss, heterosexuel, männlich) der Gesellschaft in der man lebt.

Diesen Normativen Vorstellungen von Politik konformlaufend, steht also die Assimilation in eine Gesellschaft auf der Tagesordnug, in der Queers per Definition keinen Platz haben: Die heteronormative (westliche) Gesellschaft. Schwule und Lesben haben hier nur den Platz des devianten Anderen.

So wird auch die eigene (Homo-)Sexualität an der Heteronormativität ausgerichtet. Die Folgen sieht München Pervers sogar und schreibt:

Auch in schwulen Räumen herrscht die Heteronormativität: Schwule Identitäten ordnen sich permanent heteronormativen Zwängen unter. Wer fickt und wer gefickt wird, das spielt eine riesige Rolle, die deutlich auf ein binäres Geschlechtersystem verweist.

Man kann deswegen gerade sagen: Homonormativität ist die Homosexualität die die Heteronormativität ihr geben hat.

Die einzige Kritik die ich in Teilen nachvollziehen kann, ist der letzte Satz von München Pervers‘ Kritik:

Die Rede von der “Homonormativität” lenkt die Kritik ab vom Grundsätzlichen. Das zu kritisierende Seiende ist und bleibt die Heteronormativität.

Der Begriff, der Homonormativität, birgt in der Tat die Gefahr: Homonormativität, fälschlicherweise, als Gegenentwurf zur Heteronormativität zu verstehen und damit als Kampfbegriff gegen die Kritik der Heteronormativität benutzt zu werden. Wenn dies so passiert wird der Begriff aber (bewusst) falsch verwendet. Richtet sich der Diskurs über Homonormativität doch klar gegen die ihr übergeornete Heteronormativität.

Und damit bietet die Analyse der Homonormativität interessante Anhaltspunkte darüber, wie es dazu kommen konnte, was Homonormativitätskritiker*innen als „Historical Amnesia“ bezeichnen, dass die historische Allianz zwischen radikaler Politik und LGBT-Politik aufgelöst wurde und wird.