Pervers als Selbstbezeichnung.

Bikepunk wirft, in einem kürzlich veröffentlichten Artikel, die Frage auf:

… macht es Sinn den Begriff pervers […] offensiv für sich zu verwenden und damit zu versuchen ihn positiv zu drehen.

Da Bikepunk nach Meinungen fragt gebe ich natürlich gerne meinen Senf dazu:
Ich finde es absolut sinnvoll den Begriff Pervers als eigenen Kampfbegriff zu erobern. Auch wenn es natürlich minimale Sinnverschiebungen durch die Übersetzung gibt, ist Pervers die passende Übersetzung für Queer. Da der Queerbegriff aus dem englischsprachigen Raum kommt, kann man ihn nicht einfach ins deutsche übertragen. Zumal Queer im deutschsprachigen Raum ja mittlerweile viel geläufiger ist als Sammelbegriff für Schwul/Lesbisch/Trans*. Der Begriff wird also nicht als Beleidigung für sexuelle Abweichler*innen benutzt, sondern ist in Deutschland eher ein Begriff der Konsumsphäre (Queer-Partys/-Zeitungen/-Reisen etc.). Erst in den letzten Jahren ist auch die neue Bedeutung von Queer als Angriff auf die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit in Deutschland angekommen (und das hauptsächlich an den Universitäten und bei Politaktivist*innen). Damit ein Begriff aber positiv politisiert werden kann muss er ursprünglich mal ein Schimpfwort gewesen sein. Und „queer“ dürfte im deutschsprachigen Raum niemand als Schimpfwort, für Unangepasste benutzen.

Desweiteren ist auf Bikepunk zu lesen:

Dazu kommt, dass mir nie Text zu dem Thema untergekommen ist (gender studies oder queer theory standen noch nie auf meinem Lehrplan), wenn wer einen guten weiss – her damit.

Deswegen hier der Hinweis auf das Buch „Queer Theory – Eine Einführung“ von Annamarie Jagose. In einem Kapitel beschäftigt sich das Buch, auch mit der Begriffsgeschichte von Queer und wie man den ins deutsche transferiert.
Ausserdem möchte ich aus dem Vorwort einen passenden Abschnitt zitieren:

Die allgemeinen Probleme in der Übersetzung einer Politik von einem Kontext in einen anderen spiegeln sich auch in konkreten Schwierigkeiten wider, bestimmte Begriffe zu übersetzen. „Queer“ bedeutet unter anderem „fragwürdig“, „sonderbar“ oder „Falschgeld“, dient aber hauptsächlich als Schimpfwort gegen alle, die den Normen geschlechtlicher und sexueller Identifikationen nicht entsprechen – und damit dient es genau zur Herstellung dieser Normen. Lässt sich eine Entsprechung zu diesem Wort finden, die eine ebenso reiche, vieldeutige Geschichte hat, wie Annamarie Jagose sie herausarbeitet, oder soll es importiert werden? Geht aber nicht mit der einfachen Übernahme in den deutschen Sprachgebrauch die politische Kraft des Begriffs verloren? Die Diskriminierung hat sich hier über Wörter wie „Lesbe“ und „Schwuler“ ausgedrückt, die ebenfalls in Akten der Selbstbehauptung angeeignet wurden. Werden sie zugunsten von queer aufgegeben, verschwindet „die andauernd drohende Erinnerung an die Verletzung“. Wäre queer besser mit „pervers“ zu übersetzen? Hier wird klar, wie viel Brisanz in dem Wort liegt. Wer sich einfach ein Seminar über „Perverse Theorie“ vorstellt, ahnt schon, dass die selbstbehauptende Aneignung von queer im englischsprachigen Raum weit über eine modische Zeitgeistgeste hinausgeht (Annamarie Jagose, Queer Theory – Eine Einführung, 2005, S.9)

Ich würde mich also ganz klar dafür aussprechen, den Begriff pervers zu benutzen. Inwieweit es natürlich sinnvoll ist, dass sowas bei ner Black Block Aktion gerufen wird ist für mich wohl genauso, wie beim Queerbegriff und bei ähnlichen eher eine Frage der Authentizität. Hier muss man ganz klar den Unterschied machen, zwischen Aktivisten, die die politischen/sozialen Implikationen der Queer Theory unterstützen/erkennen und denen die eine queere/perverse Identität haben. Die Frage die ich mir stelle, die auch Bikepunk schon aufgeworfen hat, ist ob die Parole(z.b “queer, pervers und arbeitscheu”) wenn sie von ersteren gerufen wird, Sinn macht.

Die radikale Linke muss pervers werden


2 Antworten auf “Pervers als Selbstbezeichnung.”


  1. 1 lysis 20. November 2008 um 0:14 Uhr

    Ich plädierre ja für „Arschpiraten“! ;)

    Notiz an mich: einen Artikel zur Kritik an „queer“ schreiben.

  2. 2 Administrator 20. November 2008 um 11:42 Uhr

    Arschpiraten finde ich eigentlich auch Klasse ;D.

    Ansonsten stimme ich dir zu. Queer ist durchaus kritikwürdig.

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