Archiv für Dezember 2011

Dann kannst du frei sein!

Das dunkle Erbe der Schwulen Bewegung

In der Politik und Aktivismus den ich betreibe sehe ich mich durchaus, als von der 2. deutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre beeinflusst Bzw. als einer der Traditionslinien neben anderen, auf die ich mich beziehe. Deswegen besuchte ich die Tagung Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Dazu ein kleiner Kommentar von mir:
In der Nachbetrachtung stechen mir vorallem zwei Aspekte ins Auge: Die Probleme mit denen man heute in der Schwulen Szene konfrontiert ist, genannt seien da vorallem der Rassismus und der Sexismus in der Schwulen Szene, sind nicht nur so zu erklären, dass auch die Schwule Szene nur ein Teil der Mehrheitsgesellschaft ist und durch sie geprägt ist. Vielmehr zeigt sich hier gerade das dunkle Erbe der 2. deutschen Schwulenbewegung. Diese bestand größtenteils, wie auch die Teilnehmer* der Tagung „Rosa Radikale“ aus deutschen Cismännern aus sogenannten Bildungsnahen Millieus bzw. dem Mittelstand. Eine Zustand der sich bis heute auch in der Schwulen Szene festgeschrieben hat. Aus unterschiedlichen Gründen wollte man damals wie heute nicht mit den Frauen*/Lesben*/Feministinnen zusammenarbeiten. Das mag damals zum Teil wirklich in einem Separatismus der Feministischen Bewegung begründet gewesen sein, liegt aber sicher auch zum Teil daran das der Vorwurf „auch schwule Männer sind am Ende nur Männer“ durchaus nicht unberechtigt ist. So lässt sich auch heute feststellen, dass sich schwule Männer zwar gerne mit ihrer Position als marginalisierte Männer* beschäftigen aber keine Lust haben über ihre Privilegien (als (Cis)Männer* oder Weisse) nachzudenken. So war man sich dann auf der Tagung dann auch nicht zu schade immer wieder energisch darauf zu pochen, dass man mit den Frauen*/Lesben*/Feministinnen nichts zu tun gehabt hat. Soviel zur peinlichen Geschichte, aber auch manche der jüngeren Teilnehmer sahen offensichtlich keine Bündnispartnerinnen* in den Frauen*/Lesben*/Feministinnen. Begründet wird dieser Umstand damit, dass z.B Lesben ja eine ganz andere Diskriminierung erfahren würden als Schwule Männer. Das mag für die Formen der Diskriminierung durchaus stimmen. Die Ursache, nämlich die Vorstellung binärer Geschlechter die sich sexuell auf das jeweilig andere beziehen, ist aber die selbe.
Das bringt mich dann zu meinem zweiten Punkt. Nämlich die Frage nach der Vermittlung des Kampfes gegen Homophobie/Heterosexismus. So war man sich damals in der Schwulen Bewgung durchaus bewusst, dass die Unterdrückung von Schwulen eng mit Geschlechterrollen (oder wie man heute sagen würde der Heteronormativität) sowie mit der Rolle der Familie im Kapitalismus verknüpft ist. Eine Grundlage die klar macht das potentielle Bündnisspartner*innen neben Fraunen*, Lesben*, Trans* durchaus auch noch viele weitere Menschen sein können, die auf irgendeine Art aus der Heternormativen Matrix herausfallen oder sich von ihr eingeengt fühlen. Da dies aber damals wie heute schwer zu vermitteln ist, verschob man sich auf den sogenannten „Stigmatisierungsansatz“, der nur die Stigmatisierung von Schwulen in der Gesellschaft skandalierte, ohne auch deren tiefere Ursache (die Heternormativität) anzugreiffen. Eine fatale Entwicklung die dann auch zu der bürgerlichen Minderheitenpolitik des LSVD geführt hat, der aber durchaus schon in der radikalen Schwulen Bewegung angelegt war. Diese Politik versteht sich nur als Vertretter einer eng umgrenzten sozialen Gruppe und fordert bloss ein wenig mehr Toleranz ein, anstatt normative Modelle zu bekämpfen, die hinter verschiedensten Ungleichheiten stehen.
Ich hingegen sehe mich durchaus als einer der Kinder der Schwulen Bewegung der 70er Jahre, aber auch und gerade als Queerfeminist*. So hat sich in meiner politischen Arbeit immer wieder erwiesen, dass gerade die von manchen Bewegungsschwestern so verhassten Feminist*innen, die verlässlichsten Partner*innen, in einem wie ich meine, gemeinsamen Kampf, sind.
Interessanterweise erführ ich dann auf der Tagung auch, dass die Stonewall riots garnicht so entscheident für die 2. deutsche Schwulen Bewegung waren, wie ich bislang angenommen hatte. Vieleicht kommt meine Differenz zu dieser auch daher, dass ich mich auch auf eine Traditionslinie der Stonewall riots beziehe, welche ohne Migrant*innen und Trans* wohl nie stattgefunden hätte. Dennoch beinhalte ich wohl beides als queerfeministischer Schwulenaktivist*.