Archiv der Kategorie 'Homonormativität'

Das dunkle Erbe der Schwulen Bewegung

In der Politik und Aktivismus den ich betreibe sehe ich mich durchaus, als von der 2. deutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre beeinflusst Bzw. als einer der Traditionslinien neben anderen, auf die ich mich beziehe. Deswegen besuchte ich die Tagung Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Dazu ein kleiner Kommentar von mir:
In der Nachbetrachtung stechen mir vorallem zwei Aspekte ins Auge: Die Probleme mit denen man heute in der Schwulen Szene konfrontiert ist, genannt seien da vorallem der Rassismus und der Sexismus in der Schwulen Szene, sind nicht nur so zu erklären, dass auch die Schwule Szene nur ein Teil der Mehrheitsgesellschaft ist und durch sie geprägt ist. Vielmehr zeigt sich hier gerade das dunkle Erbe der 2. deutschen Schwulenbewegung. Diese bestand größtenteils, wie auch die Teilnehmer* der Tagung „Rosa Radikale“ aus deutschen Cismännern aus sogenannten Bildungsnahen Millieus bzw. dem Mittelstand. Eine Zustand der sich bis heute auch in der Schwulen Szene festgeschrieben hat. Aus unterschiedlichen Gründen wollte man damals wie heute nicht mit den Frauen*/Lesben*/Feministinnen zusammenarbeiten. Das mag damals zum Teil wirklich in einem Separatismus der Feministischen Bewegung begründet gewesen sein, liegt aber sicher auch zum Teil daran das der Vorwurf „auch schwule Männer sind am Ende nur Männer“ durchaus nicht unberechtigt ist. So lässt sich auch heute feststellen, dass sich schwule Männer zwar gerne mit ihrer Position als marginalisierte Männer* beschäftigen aber keine Lust haben über ihre Privilegien (als (Cis)Männer* oder Weisse) nachzudenken. So war man sich dann auf der Tagung dann auch nicht zu schade immer wieder energisch darauf zu pochen, dass man mit den Frauen*/Lesben*/Feministinnen nichts zu tun gehabt hat. Soviel zur peinlichen Geschichte, aber auch manche der jüngeren Teilnehmer sahen offensichtlich keine Bündnispartnerinnen* in den Frauen*/Lesben*/Feministinnen. Begründet wird dieser Umstand damit, dass z.B Lesben ja eine ganz andere Diskriminierung erfahren würden als Schwule Männer. Das mag für die Formen der Diskriminierung durchaus stimmen. Die Ursache, nämlich die Vorstellung binärer Geschlechter die sich sexuell auf das jeweilig andere beziehen, ist aber die selbe.
Das bringt mich dann zu meinem zweiten Punkt. Nämlich die Frage nach der Vermittlung des Kampfes gegen Homophobie/Heterosexismus. So war man sich damals in der Schwulen Bewgung durchaus bewusst, dass die Unterdrückung von Schwulen eng mit Geschlechterrollen (oder wie man heute sagen würde der Heteronormativität) sowie mit der Rolle der Familie im Kapitalismus verknüpft ist. Eine Grundlage die klar macht das potentielle Bündnisspartner*innen neben Fraunen*, Lesben*, Trans* durchaus auch noch viele weitere Menschen sein können, die auf irgendeine Art aus der Heternormativen Matrix herausfallen oder sich von ihr eingeengt fühlen. Da dies aber damals wie heute schwer zu vermitteln ist, verschob man sich auf den sogenannten „Stigmatisierungsansatz“, der nur die Stigmatisierung von Schwulen in der Gesellschaft skandalierte, ohne auch deren tiefere Ursache (die Heternormativität) anzugreiffen. Eine fatale Entwicklung die dann auch zu der bürgerlichen Minderheitenpolitik des LSVD geführt hat, der aber durchaus schon in der radikalen Schwulen Bewegung angelegt war. Diese Politik versteht sich nur als Vertretter einer eng umgrenzten sozialen Gruppe und fordert bloss ein wenig mehr Toleranz ein, anstatt normative Modelle zu bekämpfen, die hinter verschiedensten Ungleichheiten stehen.
Ich hingegen sehe mich durchaus als einer der Kinder der Schwulen Bewegung der 70er Jahre, aber auch und gerade als Queerfeminist*. So hat sich in meiner politischen Arbeit immer wieder erwiesen, dass gerade die von manchen Bewegungsschwestern so verhassten Feminist*innen, die verlässlichsten Partner*innen, in einem wie ich meine, gemeinsamen Kampf, sind.
Interessanterweise erführ ich dann auf der Tagung auch, dass die Stonewall riots garnicht so entscheident für die 2. deutsche Schwulen Bewegung waren, wie ich bislang angenommen hatte. Vieleicht kommt meine Differenz zu dieser auch daher, dass ich mich auch auf eine Traditionslinie der Stonewall riots beziehe, welche ohne Migrant*innen und Trans* wohl nie stattgefunden hätte. Dennoch beinhalte ich wohl beides als queerfeministischer Schwulenaktivist*.

10 Jahre LuxusEhe.

Gestern ist die eingetragene Partnerschaft 10 Jahre alt geworden. Am 1. August 2001 verpartnerten sich die ersten Lesben und Schwulen. Aber das ist wahrlich kein Grund zum Feiern. Mal ganz abgesehen davon was man im Allgemeinen von der Ehe hält, ist die eingetragene Partnerschaft (sogenannte Homo-ehe) auch nach 10 Jahren nur eine Ehe-light. Mit von Anfang an allen Pflichten und immer noch nicht den selben Rechten. Und so laufen seit knapp 10 Jahren etliche Prozesse um nach und nach die einzelnen Rechte die eine Ehe in Deutschland bringt einzuklagen. Es bleibt abzuwarten, wann CDU und CSU ihre ein Jahrzent andauernde Blockade im Bundestag und Bundesrat aufgeben.

Belgrader Faschist*innen verurteilt.

Im April dieses Jahres wurden, diverse Belgrader Klerikalfaschist*innen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

The Higher Court in Belgrade has sentenced far-right organization Obraz leader Mladen Obradović to two years for organizing riots during 2010 Pride Parade.

His wife Jelena was sentenced to a year and Krsta Milovanović and Damir Grbić to a year and a half in prison.

Remaining 13 accused persons received sentences ranging from eight months to a year and a half. They were sentenced to minimum sentences since the envisaged jail time for the criminal acts they committed is one to 12 years.

Quelle: Queer Beograd Collective

Eine kleine Genugtuung, da ich selber zweimal in Belgrad auf dem Queer Beograd Festival war. Ein Festival das nach der ersten Pride 2001 ins Leben gerufen wurde. Dieser wurde so massiv von Klerikalfaschisten und Hooligans angegriffen, dass kaum eine*r den Pride unverletzt überstanden hat. Auch das Festival wurde immer wieder angegriffen bzw. stand unter hoher Gefahr angegriffen zu werden. Ich war 2007 und 2008 dort.
2008 erreignete sich dort Folgendes:

Several days before our 2008 festival, ignoring our requests not to do so, a free daily newspaper in Belgrade announced our gathering on its front page as ‘The 5th clandestine gay festival’. This created a huge public visibility for the event, which we had previously avoided, in order to create a safe space. This time the majority of citizens were aware of our festival. Despite the increased precautions on our part and the usual unavoidable police protection, a group of 15 right-winged hooligans from „Obraz“ attacked the participants and members of Queer Beograd on September 19, 2008. Although we fought back and the police responded quickly several people were injured, one suffering a broken arm and a concussion. In this book you can find the results of the legal charges against the arrested. The festival continued as planned, but as a collective we needed to reconsider our capacities in terms of visibility in a society that is structurally homophobic and patriarchally violent. Many from our Collective were involved with the 2009 attempt to organise Pride in Belgrade and this consumed all their energies. From that point on, the political landscape in Belgrade has continued to transform rapidly.

Quelle: Intro der Dokumentation vom Queer Beograd Collective

In den letzten Jahren hat sich in Belgrad also einiges getan. Wegen dem EU-Beitrittswunsch der Regierung erhalten LGBT-Menschen dort zunehmend Unterstützung von der Regierung. 2010 wurde dann auch der zweite bzw. erste Erfolgreiche Pride in Belgrad durchgeführt und diesmal von den Bullen geschützt. Bitter nur, dass die Organisator*innen der Queer Beograd Festivals und des ersten Pride von der Regierung nicht in die Organisation mit einbezogen wurden, vermutlich wegen deren radikaleren Aktivismus. Hier sind die anderen Artikel zu finden, die ich schon über Belgrad geschrieben habe.

Internationaler Tag gegen Homophobie

Am 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Der Tag erinnert damit an ein historisches Ereignis, dass am 17. Mai 1990 stattgefunden hat: An diesem Tag wurde Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (ICD 10) gestrichen. In Deutschland kommt noch hinzu, dass das Datum „17.5″ auf den Paragraphen 175 verweist, mit dem Schwule in Deutschland bis 1994 kriminalisiert wurden. Die Verurteilungen nach Paragraph 175 sind übrigens bis heute nicht revidiert. Erst kürzlich wurde ein Antrag, auch die Verurteilungen nach 1945 zu revidieren, abgelehnt .

„Scheiss Emanzen!“ – Zur Kontroverse um den Christina Street Day

In München herrscht wie in vielen anderen Städten ein eklatantes Missverhältnis zwischen lesbischer und schwuler Szene. Während es beispielsweise in München etliche Bars, Kneipen, Clubs, Vereine für Schwule gibt, können Lesben nur auf weit weniger Angebot dieser Art zurückgreifen. Das spiegelt nicht nur ökonomische Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wieder, sondern auch wer sichtbarer in dieser Gesellschaft ist. So haben auch die Schwulen (weissen/mittelstands) Männer* in der sogenannten Community den größten politischen und kulturellen Einfluss.
Weil man um dieses Missverhältnis auch in der münchner rosa Einheitspartei (Rosa Liste) weiss, entschied man sich dafür den Christopher Street Day dieses Jahr in Christina Street Day umzunennen.

Wir haben letztes Jahr im Münchener Stadtrat beschlossen, einen Schwerpunkt auf Lesben zu richten, um deren Sichtbarkeit zu erhöhen. Dann hatten wir die Idee, dass wir zum CSD etwas provokativer auftreten müssen, um das der Öffentlichkeit klar zu machen. So kam der Name Christina Street Day mit dem Motto „Gemeinsam für uns alle“ zustande.

Thomas Niederbühl im queer.de Interview

Die Reaktion aus der schwulen Szene lies dann auch nicht lange auf sich warten. Ein Sturm der Entrüstung fegte durch die Community. Für viele schwule Männer* mal wieder eine gute Gelegenheit ihrem Antifeminismus und ihrer Frauenfeindlichkeit freien Lauf zu lassen. Gerade die Alten haben immer noch nicht verwirkt, dass die feministische Bewegung der CSD-Anfangszeit sich nicht bedingungslos mit den schwulen Männern* solidarisieren wollte. Die Reaktionen von heute illustrieren, warum das damals wie heute garnicht so blöd ist.
Schnell war auch eine Unterschriftenaktion gestartet und eine Facebookgruppe gegründet. Aktionismus den man sich von der trägen Wohlfühlszene an manch anderer Stelle wahrlich wünschen würde.

Ein weiteres und dabei nicht weniger klassisches Argument vieler Schwuler ist, dass das Bild von Schwulen als effeminierte Männer* in der Öffentlichkeit dadurch noch weiter verstärkt werden würde. Ärgerte sich manch einer doch über die blöden Drag-queens, die Jahr für Jahr in der Berichterstattung über den CSD dafür sorgen, dass der schwule Mann* nicht als der konservative langweilige Spießer rüberkommt der er eigentlich ist.

Womit wir zum albernsten Argument gegen die Umbenennung kommen. Das Argument damit würde Geschichtsklitterung betrieben. Ein beliebtes Argument, das immer dann zum Einsatz kommt wenn Lesben es wagen die männliche* Hegemonie in der Community anzugreiffen. Sei es bei der Kontroverse um das sogenannte Homomahnmal oder eben jetzt bei der Umbenennung des Christopher Street Days. So pochen die Umnennungsgegner* darauf, dass der Stonewall Aufstand nun mal eben in der Christopher Street seinen Ursprung gefunden hat und nicht in der Christina Street. Nicht soviel geschichtliche Detailschärfe herrscht dabei, dass es auch nicht gutbürgerliche Schwule waren die sich tagelange Straßenschlachten mit den Bullen lieferten, sondern von der Gesellschaft mehrfach ausgeschlossene migrantische* Tunten und Draq-queens. Diese hätten, wie manch einer zugeben muss sich über die Effeminierung der Christopher Street gefreut.

Immerhin hat die Umnennung eines ihrer Ziele schon erreicht: „Irritation, Aufmerksamkeit und Diskussion schaffen“. Sollen die schwulen Männer* doch von einer Instrumentalisierung des CSDs von einer lesbischen Minderheit schwadronieren. Vieleicht wird ihnen ja auch irgendwann mal klar, dass die Wurzel der sexuellen Unterdrückung, in der sich aus der Heteronormativität speisenden Vorstellung von Geschlechtern liegt. Der CSD ist eben keine schwulen Parade sondern die Parade aller die aus der Heteronormativität herausfallen, weil sie nicht in die beklemmende Enge der an sie gesetzten Erwartungen passen.

Stonewall was a riot! Der Kampf um Befreiung ist nicht teilbar!

Nachtrag: Mittlerweile scheinen die Organisatoren in der Diskussion eingeknickt zu sein:
Nach Kontroverse um „Christina Street Day“: Münchner CSD bleib „Christopher Street Day“ ( CSD München | Rosa Liste München )

Das Dilemma der schwulen Emanzipation

Wenn man sich über die besten Strategien und Taktiken zur Überwindung der Homophobie/Heterosexismus Gedanken macht, wird man schnell auf ein ganz bestimmtes Dilemma stossen. Dieses Dilemma hat etwas mit zwei unterschiedlichen Wegen zur eigenen sexuellen Freiheit zu tun: Auf der einen Seite die klassische Emanzipationsbewegung, deren zentraler Gedanke das kollektive Handeln aufgrund einer gemeinsamen Identität ist, auf der anderen Seite die Idee, die der Queer Theory entlehnt ist, dass Emanzipation erst dann möglich wird wenn partikuläre Identitäten zerschlagen sind und einer Nicht-identität weichen. Nun gibt es an beiden Strategien/Konzepten verständliche Kritik…

Die Emanzipationsbewegung verhilft zwar einer unterdrückten Gruppe, wie z.B den Schwulen zu einer starken eigenen Identität und schafft so eine Gemeinschaft, die sich gegen ihre Unterdrückung solidarisch wehren kann, anstatt vereinzelter Individuen, die hoffnungslos untergehen. Aber Identität birgt auch immer die große Gefahr der Ausgrenzung. So ist in einer Schwulen Bewegung selbstredend nur Platz für Schwule, dabei überschneiden sich deren Interessen zum Beispiel teilweise mit denen von Lesben, Trans*menschen, MSMs, Bisexuellen und je nach Blickwinkel weiteren Bündnispartnerinnen. Diese haben jedoch keinen Platz in der Schwulen Bewegung und werden aus dieser sogar ausgegrenzt. Desweiteren merkt man schnell, dass die gemeinsame sexuelle Identität nicht unbedingt eine wirkliche Gemeinsamkeit darstellt. So gibt es unter Umständen Unterdrückungsformen zwischen denen, die die gleiche sexuelle Identität teilen. Diese können z.B sexistisch, rassistisch oder ökonomisch sein. Einfach ausgedrückt: Habe ich nicht mehr mit einer*m Lohnabhängigen gemeinsam, als mit einem schwulen Kapitalisten? Oder was hilft einem schwulen Migranten eine durch und durch weisse mittelständische Schwulenbewegung? Hier stösst die Forderung nach unbedingter Solidarität mit den Neigungsgenossen schnell an ihre Grenzen. Und es kommen noch weitere Probleme dazu: mit steigender Sichtbarkeit stetzt man sich auch vermehrten Angriffen aus. So ist es natürlich einfacher eine Bombe in einen schwulen Club zu schmeissen, wenn man was gegen Schwule hat, als wenn Schwule und andere Menschen gemeinsam feiern. Oder wenn jemand vorhat Schwule zusammen zuschlagen, ist es für ihn natürlich gut Schwule geben sich auf offener Strasse auch als solche zu erkennen. Ein weiterer negativ Effekt ist, dass mit der zunehmenden Sichtbarkeit von Schwulen in der Gesellschaft: Homosexualität viel greifbarer wird und damit konkreter, jetzt stellt sich die Frage: „Bin ich auch schwul?“ viel Früher. So gibt es Studien die aufzeigen, dass in den letzten Jahrzenten homosexuelle Kontakte unter Jugendlichen zurück gehen. Auf der anderen Seite ist mir natürlich klar, dass ich heute nicht so frei mein Sexualität leben könnte hätte/gäbe es keine Schwulen Bewegung (gegeben).

Soweit zur Schwulen Bewegung/Identität und deren Nachteile. Als Kind der 90er habe ich aber noch Zugriff auf ein anderes Kozept der sexuellen Befreiung: Die Ablehnung hermetischer geschlechtlicher Identitäten durch die Queer Theory. Auch diese ist in ihrer Begründung erstmal schlüssig: Wo die Heteronormativität mit ihrem Konzept von sich diametral entgegengesetzten Geschlechtern, die sich in ihrer sexuellen Anziehung aufeinander beziehen, zerschlagen ist, ist eine (sexuelle und geschlechtliche) Underdrückung nicht denkbar und die Vernichtung des Sexismuses gibt es gratis oben drauf. Soweit so schlüssig. Jetzt stellt sich aber die Frage, wie dekonstruiere ich die Geschlechter und bin gleichzeitig auf dem Weg zu einer nicht-heteronormativen Gesellschaft in der Lage konkrete und sicher noch länger bestehende Unterdrückungen, aufgrund eben dieses Geschlechts, weiterhin zu benennen. Mahne ich die Underdrückung von Schwulen an, kann man mir ja wohl kaum vorwerfen ich würde meine Unterdrückung durch den Rückgriff auf ein geschlechtliches Konzept erst begründen. Das gleich gilt selbstverständlich für Frauen. Den ohne Identität gibt es eben auch nichts was benannt und bekämpft werden kann. Die Identität habe ich ja auch nur weil, sie mir durch die Verhältnisse aufgedrückt wird. Dennoch ist es natürlich so, dass sollange ich an der Identität (z.B Schwul) festhalte, damit an der Konstruktion von Geschlecht mitarbeite. im bestfall konstruiere ich nur an einer alternativen Form von Männlichkeit, sie wird aber auf jedenfall eine marginale Form von Männlichkeit bleiben. Im schlechtesten Fall erhalte ich die Kategorien Mann/Frau und heterosexuell/homosexuell und ihre unterschiedliche Wertung in der Gesellschaft.
So bleibt mir also nichts übrig, als Schwul zu sein und gleichzeitig aus queerer Perspektive diese Identität abzulehnen, so führen mich beide Handlungsweisen trotzdem nicht zur ersehnten eigenen Befreiung. Das ist das Dilemma mit dem ich zu kämpfen habe.

Kapitalismus gut für Schwule und Lesben?

Queer Nation und die FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung haben jetzt in einem Seminar herausgefunden: Frei Marktwirtschaft und Rechte für Schwule und Lesben hängen zusammen. Verglichen mit Ländern in denen „religiöse oder sozialistische Regime herrschen“(1) gehe es Schwulen und Lesben da besser wo Frei Marktwirtschaft herrscht. Auch wenn es heisst, dass die „… Marktwirtschaft zwar kein Garant, aber eine notwendige Bedingung für die Gleichstellung Homosexueller sei.(2)

Es handelt sich also um eine Momentaufnahme. Deswegen wird der Faschismus wohl unter den Teppich gekehrt. Oder liegt es vielmehr daran, dass die schwule bürgerbewegungs Organisation Queer Nation und die FN-Stiftung Freie Marktwirtschaft und bürgerliche Demokratie gleich setzten? Genau diese Gleichsetzung führt dann auch zu der These im Kapitalismus gehe es Schwulen und Lesben gut. So wird den Ländern in denen die Situation von homosexuellen schlecht ist einfach abgesprochen, dass dort Marktwirtschaft herrschen würde.

In der Ankündigung wird dann die Frage aufgeworfen:

Sollte die bürgerliche Emanzipation Homosexueller überhaupt in politischen Kategorien gedacht werden, oder ist sie möglicherweise nur eine Frage des Lifestyles auf dem freien Marktplatz?

So erscheint der schwul/lesbischen Bürgerbewegung, die eigene Bewegung scheinbar mittlerweile selbst, als zu politisch. Die neue Vorgehensweise ist dann wohl die Propagierung des homonormative Projektes, des schwulen neoliberalen Lifestyles. Denn gerade Homosexuelle passen ja eigentlich super in die neoliberale Welt, des unternehmerischen Ichs, vorausgesetzt sie passen in die Kategorien weiss, männlich, wohlhabend und gesund.

Mal wieder der Versuch Homosexuelle vor den Karren des Kapitalismus zuspannen. Scheint in Mode gekommen zu sein die Homosexuelle Bürgerbewegung gegen verschiedene Sachen zu instrumentalisieren (und sie lässt sich gerne instrumentalisieren). Mal gegen den „homophoben Islam“ und jetzt mal gegen den Sozialismus. Man darf gespannt sein für was die homosexuelle Bürgerbewegung noch Speerspitze spielen darf.

Bericht zur Maneo-austellungseröffnung

Am Mittwoch war es also dann soweit: Die hauptsächlich von Maneo zusammengestellte Wanderaustellung zu Opfern homophober Gewalt wurde mit einer Podiumsdiskussion eröffnet. Erfreulicherweise wurde vor der Austellung Flugblätter von der „Gruppe Tuntenterror“ verteilt. Das Flugblatt gibt es bei München Pervers.

Die Eröffnungsveranstalltung, eine Podiumsdiskussion zum Thema Opfer von Homophober Gewalt, brachte dann allerdings recht wenig neues zu Tage. Neben, einer Diskussion über Verteidigungsmethoden, deren Fazit hauptsächlich war, weg zulaufen und die Bullen zurufen, gab es noch eine Diskussion über die Täter und Gefahrensituationen.

Die auf dem Podium hauptsächlich vertrettene Ansicht, wer cruisen geht begibt sich in eine Gefahrensituation, erinnerte manch eine*n Diskussionsteilnehmer*in an das, was sich Frauen auch heute manchmal noch anhören müssen, nämlich den Vorwurf sich selbst in die Gefahr gebracht zu haben(wegen zu kurzem Rock etc.). Auch würde in dem Diskussionsabschnitt schnell klar. Wer z.b im Englischen Garten cruisen geht ist nicht nur von angeblich homophoben Schlägern (ein nicht unwesentlicher Teil davon hat wohl eher die Motivation einen Diebstahl zu begehen) bedroht sondern fürchtet sich hauptsächlich vor den Bullen. Die auf dem Podium viel beschworenen „vertrauensbildende Maßnahmen“ laufen eben da ins Leere wo Schwule auch heute noch unter der Repression der Bullen leiden. Bezeichnend auch, bei einer Aufzählung von verschiedenen Berufen wo es mittlerweile Schwule gibt, gab es das grösste Gelächter nicht etwas bei „schwuler Pfarrer“ sondern bei „schwuler Polizist“.

Daneben wurde natürlich nach den Tätern gefragt. Hier zeigte sich schon die erste Wirkung der Proteste. So fehlten Worte die direkt auf Migranten hinwiesen. Dafür griff man auf das neue Wort „Jugendliche“ zurück. Eben jene Jugendliche die sogar ins Gärtnerplatzviertel einfallen um dort zu feiern und schwule anzupöpeln. Welche Jugendlichen da gemeint sind, wurde später klar, das sind nämlich die selben die auch arglose Rentern/Deutsche in der U-Bahn zusammenschlagen. Dann wurde doch noch versucht die These der homosexuellen feindlichen Migrant*innen ins spiel zu bringen. Auch wenn man das zu verschleiern versuchte vielen Sätze wie:“Es gibt da das Gerücht, das es immer mehr Gewalt von Migranten gegen Schwule und Lesben gibt“ ohne das diese weiter diskutiert wurden.

Ansonsten grosse Ratlosigkeit bei der Frage, wieviel antischwule Gewalt es den nun tatsächlich in München gäbe. Der Leiter des Opferschutzkomissariats konnte hauptsächlich nur von häuslicher Gewalt erzählen.
Amüsant auch das Thomas Niederbühl zwar Bezug nahm auf den Skandal, dass bei der Polizei sogenannte „Rosa Listen“ geführt wurden, aber nun scheinbar wieder dafür ist, dass Opfer in Polzeiakten als Schwul gekennzeichnet werden. Wogegen man jahrzentelang Sturm lief, ist nun also zur eigenen Forderung geworden. Alles damit man in Zukunft die Einführung sogenannter Hatecrimes erkämpfen kann. Reichlich grotesk.

Danach wurde die Diskussion dann auch für das Publikum eröffnet. Neben glücklicherweise stattfindender Kritik an antisemitischen Ausfall von Herr Knoll, zeigten sich hier weitere Erfolge der Flugblattaktion der „Gruppe Tuntenterror“, es kam zu zahlreichen kritischen Nachfragen. Auf dem Podium hatte man da ausser platten Antworten nicht viel entgegen zu setzen. Die meistgefallene Antwort war eigentlich: „Ja wir wissen schon das es da Kritik gibt“/“Ich bin […] Gigi-Abonnent und kenne die Kritik“(Knoll).

Gegen Ende wurde es dann aber nochmal erfreulicher: Sascha Hübner vom Antigewalt Projekt im Sub geht auf die Bühne und gibt nochmal ein Statement ab. Er bedankt sich sogar für das Flugblatt der „Gruppe Tuntenterror“ und gibt zu, dass in diversen Interviews, der Druck gross war, das Problem bei den Migrant*innen zu verorten. Insgesamt kann man die Flugblattaktion also als Erfolg betrachten.

Den restlichen Abend ist die Kontroverse immer wieder Thema, verschiedener Gespräche, in der Sub-Kneipe. Und plötzlich ist man auch wieder ganz interessiert an dem Nazi Angriff vor dem Sub, der vorher immer tunlichst unter den Tisch gekehrt wurde. Bei dem nichtmal nach dem zahlreiche Informationen zu verfügung standen, irgendwas unternommen wurde. Aber es scheint nun der einzige Fall von homophober Gewalt zu sein der den Leuten einfällt.

Schwule vs. Migranten – Der rassistische homophobie Diskurs

Diese Woche ist es soweit, am 4.März wird die Wanderaustellung, mit Bilder von Opfern homophober Gewalt, eröffnet. Der Hauptteil der Ausstellung stammt von dem, schon seit Jahren wegen Rassimus in der Kritik stehende, schwule Überfalltelefon Maneo. Dabei hat die Kritik durchaus etwas gefruchtet. Das Grundproblem bleibt aber bestehen. Die Schussfolgerungen der Gewaltstatistiken sind offt: mehr Bullen, weniger Ausländer.

Zur Eröffnung der Wanderausstellung findet am 4. März um 19.30 Uhr im Sub, Müllerstraße 43, eine Podiumsdiskussion statt, die sich mit der Situation auch in München befassen soll. Auf dem Podium sitzen neben einem Bullen die üblichen Homofunktionäre, mit ihrem Alleinvertrettungsanspruch der schwulen Szene.

Der rosa Blätterwald hat das Thema auch schon beherzt aufgenommen. Über die Kritik an der Austellung und Maneo wird aber nichts geschrieben. Viel eher werden vermeintliche Lösungskonzepte diskuttiert, wie „Hatecrimes“ ins deutsche Rechtssystem einzuführen. Da es aber durchaus Kritik gibt, versucht man diese nun abzuleiten. So heisst es auf der Seite des Sub in einem Interview:

Aber auch im Zentrum der Stadt, ja mitten im Schwulenviertel, gibt es immer wieder Überfälle. Zuletzt haben vor dem Sub in der Müllerstraße Rechtsradikale aus dem Hinterhaus rumgepöbelt, es kam auch zu Handgreiflichkeiten.

Gemeint ist damit ein Vorfall von dem Hier und auf München Pervers berichtet wurde. Damit versucht man den Rassismus Vorwurf auf die Nazis abzuwälzen und sich so reinzuwaschen. Den gerade bei dem Fall hat sich kaum Interesse gezeigt gegen die Nazis vorzugehen oder das Thema zu diskuttieren. Im Endeffekt brachte nur der kurze Medienhype um den Fall „Mannichl“ genug öffentliches Interesse auf, um die Nazi-Bewohnerin aus ihrer Wohnung neben dem Sub zu entfernen.

Auch die Zusammenarbeit mit den Bullen sieht man scheinbar als völlig unproblematisch. Obwohl Thomas Fraunholz vom Münchner Antigewalt Projekt (Veranstallter der Austellung/Podiumsdiskussion) Hier zugibt:

Zu lange war die Polizei in den Augen vieler Schwuler eben nicht der „Freund und Helfer“, sondern wurde eher als Bedrohung wahr genommen. „Sicher war der Umgang der Polizei mit Schwulen nicht immer korrekt und zugegeben sendet sie auch heute noch ambivalente Signale aus“, so Thomas Fraunholz.

In der Leo hat der Leiter des Opferschutzkommisariats auch schonmal eine Warnung an die Schwulen:

Das Ausleben der Sexualität in der Öffentlichkeit bedeutet immer eine höhere Gefährdung. Und unabhängig, ob schwul oder hetero, stellt es eine Straftat (Erregung öffentlichen Ärgernisses) dar.

Mehr dazu in den nächsten Tagen…

Fuck Stonewall! Der CSD wird sittlich…

Der Kölner CSD hat sich eine Charta gegeben. Darin heisst es unter Paragraph(!) 3(1):

[…]Daher sind alle Verhaltensweisen, die auch im alltäglichen Lebenästrafbar sind, auch während der Teilnahme an der CSD Parade verboten. Hierzu gehören ins besondere sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit, die Verbreitung von jugendgefährdenden Schriften sowie die Einnahme illegaler Drogen.[…]

Damit aber noch nicht genug wird in Punkt(2) des selben Paragraphen nochmal nachgelegt:

[…][Der Veranstallter] ist zwar nicht zuständig für die Sicherstellung der Einhaltung der allgemeinen Gesetze oder für die Strafverfolgung. Wir arbeiten jedoch eng mit der Polizei und den Ordnungsbehörden zusammen[…]

Begründet wird das ganze wohl damit das sich zuschauenden Bürger vor so manchem Fetish*Kerl irgendwie angeekelt gefühlt haben. Das die meisten aber eigentlich genau deswegen kommen gesteht sogar der Kölner Stadtanzeiger zu. Ausserdem gibt er ganz gut Auskunft darüber gegen wenn sich die Charta eigentlich richtet:

Doch die Provokation ist politisch fatal: Exhibitionistisches Verhalten bestätigt Schwulen-Feinde in ihrem Schubladen-Denken. Es macht zugleich all die Homosexuellen „unsichtbar“, die sich gesittet verhalten[…]

Deswegen heisst es auch unter Paragraph 4:

Die CSD Parade in Köln ist lebendig und vielfältig. Für manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer
gehört ein gewisses Maß an Freizügigkeit dazu, wenn sie sich und ihre Liebe feiern. Beim äußeren Erscheinungsbild und beim Verhalten während der CSD Parade sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Taktgefühl beweisen und Rücksicht nehmen auf die anderen Teilnehmenden der Parade und auf die Menschen am Straßenrand. Die Toleranz, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der CSD Parade für sich einfordern, soll nicht durch maßlose Provokation überstrapaziert werden.

Die Perversen ziehen also die Anständigen CSD Teilnehmer in den Schmutz. Auch toll mal wieder die neue Schwachsinnsthese zu lesen: Mehr Sichtbarkeit führt zu Homophobie. Also verhaltet euch mal wieder bischen Heteronormal!

Wenn man sowas liest kann man wirklich nur noch kotzen. Stonewall kommt in der Charta übrigens garnicht mehr vor. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee zu fragen, wieso es Christopher Street Day heisst.

Stonewall was a riot!